Meran

Unauffällig "dienstbar"

Die Realisierung von Kunstprojekten in einem öffentlichen Krankenhaus setzt einen beständigen Dialog aller Beteiligten aus so verschiedenen Bereichen wie Politik, Verwaltung, Sanitätstechnik, Bauwesen und den verschiedensten Spezialdisziplinen voraus. Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum bedeutet die Konfrontation mit den berechtigten Fragen anderer Beteiligter und deren Beantwortung. Zur Eignung der KünstlerInnen tritt deren soziale Kompetenz in diesem Prozess. Zugleich verbindet sie der Wunsch jenseits von routinierter Provokation oder aufklärerischer Didaktik die sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen einer Präsentation aufzunehmen und in unauffälliger Weise einer Situation "dienstbar" zu sein ohne zum formalen Dekor zu werden.

 

Jenseits von zweifelhaften Harmonisierungsfantasien und unausgegorenen „Heilung durch Kunst“ Programmen leisten sie als Spezialisten für Kunst ihren Beitrag, der immer im Zusammenhang mit allen anderen Funktionsebenen eines Krankenhauses gesehen werden muss. Natürlich steht die bestmögliche medizinische Betreuung im Zentrum. Der Dienstplan und die Bezahlung bleibt für die Zufriedenheit des Personals wichtiger als die Kunstprojekte. Sollten alle diese Elemente jedoch in beispielgebender Qualität aufeinandertreffen, ist eine soziale Auswirkung in einem funktionsfähigen Krankenhaus vorstellbar, zu der die KünstlerInnen mit den ihnen eigenen Mitteln einen Beitrag geleistet haben.

Krankenhaus

REHA Zentrum

 

 

Situation-specificity

 

Die Projekte im Rehabilitationszentrum Meran führen die 1996 begonnene künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krankenhaus Meran fort. Als erster Erweiterungsbau wurde das Reha-Zentrum (Architektur: Novotny Mähner, Offenbach) in den Jahren 1999 bis 2003 gebaut.

 

Die räumliche Verbindung mit dem Krankenhaus über einen Verbindungsgang (mit einem Palindrom von Ecke Bonk aus der ersten Projektphase) legte es nahe, die ursprünglich eingeladenen KünstlerInnen mit Erweiterungen und Adaptierungen ihrer früheren Arbeiten zu beauftragen, wo sie nicht (wie bei Lawrence Weiner und Heinz Gappmayr) ausschließlich für einen spezifischen Gebäudeteil realisiert wurden. Darüber hinaus bot sich den KünstlerInnen die Gelegenheit, ihre Erfahrungen in der Umsetzung der Projekte bei deren Weiterentwicklung zu berücksichtigen. Dies führte bei Andrea van der Straeten zu einer intensivierten Integration von medizinischen MitarbeiterInnen in ihr Konzept, bei Johanna Kandl zur Erweiterung ihrer Wandarbeiten in den öffentlicheren Raum der Cafeteria im Reha-Zentrum. Eine ähnliche Erweiterung und Öffnung erfuhr Maria Eichhorns - nunmehr für die Geriatrie konzipierte - literarische Bibliothek. Variiert in Format und Motivwahl setzt Ingeborg Strobl ihre speziell für die Krankenzimmer entwickelten Fotoarbeiten fort, während sich für Chrono Popp die Gelegenheit bot, beide Gebäudeteile auf der Audioebene technischer Anlagen zu verbinden. Ecke Bonk, Gelatin und Eric Schumacher haben sich für neue Arbeiten entschieden.

 

Seit längerem bezieht sich die sogenannte "Kunst am Bau" stärker auf die sozialen Prozesse innerhalb von Institutionen als auf die architektonische Umsetzung der Bauten. Architektonische Formen sind - ebenso wie Galerien und Museen - vorgefundene Realitäten. Das Paradigma der "site-specificity" hat sich zu einer zeitgemäßeren "situation-specificity" weiterentwickelt. Die Gesamtkonzeption für das Krankenhaus und Reha-Zentrum Meran legt das Augenmerk auf künstlerische Strategien jen­seits des üblichen Kräftemessens zwischen Architektur und Kunst und steht für eine konzeptionell-künstlerische Selbstbeschränkung, die ihr Potenzial in der sinnvollen Ergänzung des Bestehenden entwickelt.

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