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Lobbying auch noch für die letzte Kuh

Erschienen in der "Lupe - Gazette freie Kunst", Ausgabe 6, 2003 herausgegeben von Stefan Gyurko


Auch wenn es nicht stimmen sollte, dass sich ein hoher Kulturpolitiker des Bundes bei einem Subventionsempfänger als „ihr Anteilseigner" vorstellt, der „jetzt einmal über den return on investment sprechen will" oder dass ein hoher Kulturpolitiker der Stadt Wien einem Subventionsempfänger erklärt „ihr habt euch ja gar nicht bedankt" so sind beide Erzählungen doch vorstellbar genug, um sie wieder einmal zum Anlass zu nehmen, den atmosphärischem Nebel aus höfischem Zeremoniell, halbverdautem Neo-Liberalismus und etatistischem Paternalismus zu beschreiben, der - wie an einem ordentlichen Herbsttag - über der Kultur hängt und damit zum Teil deren Leben bestimmt.

Das von der „Lupe" Chefredaktion vorgegebene Generalthema „Die Idee und ihr Gegenteil" umreißt die Spannweite der gegenwärtigen kulturpolitischen Aktivitäten. ( Diese Blatt ist laut Impressum ja auch: 100% subventionsfrei) Interessanterweise muss man der österreichischen (und wohl auch der Wiener) Kulturpolitik immer vorwerfen entweder zu wenig oder zu viel (nämlich das Falsche) zu tun. Wie wir sehen werden jeodch auch in vielen anderen Ländern. Die gelassene, zivile Routine ist ihre Sache nicht. Wo ist es also zu wenig und wo zu viel und was hat das alles mit dem oben eingeführten Nebel zu tun?

auf der romantischen Alm

Ein Staatssekretär hat keine eigenen Projekte zu programmieren. Der Landwirtschaftsminister bebaut auch keinen eigenen Acker, sondern kümmert sich um die dafür bestmöglichen Rahmenbedingungen und die notwendigen Förderungen. Da die strukturellen Analogien zwischen Landwirtschaft und Kultur ohnehin zunehmen (man denke nur an die ästhetische Begründung der Förderungen für „Landschaftspflege") kann dieser rhetorische Vergleich noch ein wenig weiter strapaziert werden: Der Landwirtschaftsminister ist Interessensvertreter seiner Klientel. Man stelle sich vor er würde dem heroischen Bergbauern in der höchsten Förderstufe ein höhnisches „dann suchen Sie sich doch ihre Gelder am freien Markt" zurufen, um ihm damit den Förderstopp zu erklären. Ganz im Gegenteil: Landauf, landab reisen die Agraringenieure und betreiben Lobbying auch noch für die letzte Kuh auf der romantischen Alm während der Kulturstaatssekretär den Eindruck erweckt, er müsse seine eigenen spärlichen Erfahrungen im freien Markt (erworben durch 20 Jahre Burgtheater?) durch möglichst häufiges Verwenden von wirtschaftlichen Leerformeln kompensieren. Sein eigenes Projekt Kunst gegen Gewalt jedoch braucht sehr wohl öffentliche Mittel und konkurrenziert die ständigen PoduzentInnen nebenbei auch noch am Sponsorenmarkt.

Zuviel Energie also in die falsche Richtung. Zuviel eigene Programmatik und zu wenig Loyalität zu den Produzierenden, die schon vor ihm am Werk waren und (dies allerdings als Trost) auch nach ihm noch am Werk sein werden. In Moraks Amtführung trifft sich die paternalistische monarchische Tradition, der sozialdemokratische Zentralismus UND das Phantasma eines privat finanzierten Kunstbetriebes des Neo-Liberalen. Aus der Kaiserzeit die höhnische Haltung dem Bürger gegenüber, aus der Sozialdemokratie die Zentralkompetenz innerhalb der Förderstrukturen, und aus dem Nachhilfeunterricht in Wirtschaftsfragen die Worthülsen.

wie Bananen in der späten DDR

Doch ist es nicht nur die Person sondern die Welt in der sie existiert. Und hier gleichen sich die Strukturen in nahezu allen europäischen Zentralbürokratien - wurden sie doch fast alle aus den Händen der Monarchen übernommen. Exklusiv für „Lupe" LeserInnen kann hier über einen unbeabsichtigten Test der Reaktionsgeschwindigkeit europäischer Kunstförderstellen berichtet werden: Gleichlautende Schreiben zur Information über Manifesta 4 in Frankfurt mit der bitte um Feedback zu den Fördermöglichkeiten wurden folgendermaßen behandelt: Klassische Ministerien gaben keine Antwort oder antworten erst nach Nachfrage und drei Monaten Wartezeit (Ausnahmen: Island, Litauen, Ungarn) während ausgelagerte Förderungsstiftungen im Durchschnitt innerhalb von zwei Wochen reagieren und eifrig darum bitten, weiter informiert zu bleiben.

Zwar glichen sich in weiterer Folge die Ergebnisse (Förderungen wurden gewährt), doch die Unterschiede in der Verfahrenweise bleiben offensichtlich. Die europäischen Zentralbürokratien sind strukturell nicht auf Kommunikation mit der „Kundschaft" eingerichtet. Ihr Instrumentarium ist nicht das kollegiale Email sondern der förmliche Bescheid, ihre Technik ist nicht der Rückruf sondern die „Anforderung von zusätzlichen Informationen". Ihre Leiter (Minister, Staatsekretäre etc.) sind grundsätzlich (europaweit!) nicht erreichbar und Termine mit ihnen sind nicht Teil der Routine sondern werden gehandelt wie Bananen in der späten DDR.

Auf der Ebene großer Städte setzen sich diese Phänomene fort. Wie im gesamten Kulturbetrieb werden Entscheidungen nahezu immer auf einer hierarchischen Ebene zu hoch angesiedelt. Technische Leiter schrauben gerne selbst herum statt ordentlich zu planen, Museumsdirektoren kümmern sich um die Weinauswahl bei Eröffnungen und Kulturstadträte gefallen sich im Mikromanagement öffentlicher Ressourcen. Hier sei zu noch einmal aus Frankfurt erzählt, wo der Verfasser miterleben durfte, wie eine 25köpfige Gruppe von Institutionsleitern - vom Kulturdezernenten animiert - über Verwendungsmöglichkeiten für einen leerstehenden copy-shop diskutierte.

sado-masochistische Beziehungsarbeit

Das schwerste Versäumnis städtischer und staatlicher Kulturpolitik liegt in der Affirmation der eigenen Zentralkompetenz. Blitzschnell sei hier ein Einwand entkräftet der an dieser Stelle immer kommt: Nein, nein: der Staat, die Stadt soll sich nicht aus der Verantwortung verabschieden und nein nein: Sie darf auch nicht aus dieser entlassen werden. Ein weiteres Totschlagsargument jeder Auslagerungsdebatte wird ebenso blitzschnell erwidert: Nein , nein: Damit kann man sich finanziell nichts ersparen - im Gegenteil: hin und wieder wird man zur Organisation der Dezentralisierung und zu ihrer langfristigen Absicherung auch noch etwas drauflegen müssen. Doch nur in einer zivil organisierten Kulturpolitik im Wechselspiel mit dezentralen Einheiten kann sich Politik auch wieder als solche definieren. Nicht in der dauernden sado-masochistischen Beziehungsarbeit mit den von ihr Abhängigen und der daraus entstandenen Infantilisierung auch mancher ProduzentInnen liegt nämlich die politische Herausforderung, sondern in der permanenten Neuverhandlung und Absicherung der kulturellen Sphäre innerhalb des größeren gesellschaftlichen Rahmens. Auf ein praktisches Ende zusteuernd: Die durch Delegierung gewonnene Zeit und Energie kann in die Entwicklung gefinkelter Tricks investiert werden, mit denen die Finanzminister übertölpelt werden, und mindestens einmal in der Woche sollten der Kulturstaatssekretär und der Kulturstadtrat eine Eröffnungsrede vor den ohnehin Bekehrten absagen und stattdessen Reden vor jenen halten, deren kulturelles Leben gerade mit dem Erwerb des Zweitbuchs begonnen hat.

Martin Fritz