Innovativere Konzepte

Innovativere Konzepte

Vorschlag für einen Gastkommentar in der Presse (nicht veröffentlicht)

Der in der Presse vom 5.11. konstatierte „Nachholbedarf" für Kultureinrichtungen braucht Ergänzungen und genauere Analyse

So werden also in der - laut Presse vom 5.11. - „in wirtschaftlicher Sicht positiven Ausnahme" - Albertina 62 Prozent der Gesamteinnahmen selbst erwirtschaftet und selbst dass wäre „im internationalen Vergleich noch Mittelmaß", da z.B. die öffentliche Hand für das Metropolitan Museum of Art in New York nur 8% des Budgets beisteuert. Eine naheliegende Kritik wäre die Umkehrung der Prämisse: Würde man mit denselben Zahlen den Staat loben wollen, könnte Österreich eben mit einer deutlich höheren Finanzierungsquote für Museen punkten. Ebenso würde man wohl kaum den öffentlich finanzierten Parkverwaltungen „Nachholbedarf" bei der Kapitalisierung ihrer Bäume attestieren. Neben diesen prinzipiellen und ideologischen Einwänden, sind Präzisierungen jedoch ebenso innerhalb der im Artikel geforderten wirtschaftlichen Logik notwendig.

Wie „wirtschaflich" wäre z.B. die Albertina, wenn die Renovierungs- und Adaptierungskosten für das Haus in die Darstellung einbezogen würden? Die Logik der „Eigenmittel" - orientiert ausschliesslich an den laufenden Kosten - vernachlässigt die erheblichen Investitionen, die wir als Gesellschaft für diese Häuser bereits aufgebracht haben. Ca. 8 Millionen Östereicher und ÖsterreicherInnen haben alleine durch ihre Steuern von mindestens 80 Millionen Euro für die Sanierung der Albertina ihren Beitrag von 10 Euro bereits erbracht, bevor sie den damit finanzierten Shop überhaupt betreten, in dem das MET in New York seinen Besuchern und Besucherinnen laut Bericht durchschnittlich 14,5 Euro abnimmt.

Die Nichtberücksichtigung von Investitionen und sowie die mangelnde Kenntniss der US-amerikanischen Vorbilder bzw. deren ungenaue Analyse führt zu Teilwahrheiten wie dem tatsächlich nur 8% igen Anteil der öffentlichen Hand zu den laufenden Kosten des Metropolitan Museum of Art, und darauf aufbauenden Verkürzungen über den „privat finanzierten" amerikanischen Kunstbetrieb, wie sie zwar nicht im Bericht der Presse aber andernorts oft zu hören sind. Warum findet man dann das MET unter den 34 Mitgliedern der Cultural Institutions Group (CIG) der Stadt New York? Wie die Albertina operiert das MET mietfrei in einem Gebäude unschätzbaren Wertes im Eigentum der Stadt New York, die neben den Betriebskosten auch die Kosten für einen Teil der Gehälter und des laufenden Unterhalts trägt. Allein diese Beiträge betragen schon die genannten 8%. A.T. Kearney wäre wohl zumutbar gewesen zu berichten, was deutlich im - übrigens vorbildlich im Internet veröffentlichten - „annual report" des MET steht, so das z.B. seit 1990 37 Millionen Dollar durch die Stadt New York zu Baumaßnahmen beigetragen wurden.

Ein zweiter Kritikpunkt liegt in der Überbewertung von reinem Unternehmenssponsoring und deren Beiträgen im Vergleich zu anderen Finanzierungsquellen. Dies zeigt drastisch das Beispiel der Salzburger Festspiele, und die Wahrnehmung, dass - lt. Presse diese „heutzutage ohne Nestlé, Audi, Siemens und Uniqua kaum mehr vorstellbar wären. Zu aller erst ist festzuhalten, dass die Salzburger Festspiele ohne die Zuschüsse der öffentlichen Hand der Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr vorstellbar wären, und dass es diskutierbar ist, ob diese aufrecht erhalten werden können, wenn dieser Beitrag neben den geringen Sponsorenzahlungen in Vergessenheit gerät. Es ist nämlich nicht allzu bekannt wie billig es ist als Hauptsponsor der Salzburger Festspiele zu glänzen: Lt. Homepage der Salzburger Festspiele berechtigt ein Mindestbeitrag von Euro 600.000.- u.a. zu folgendem: „Eine individuelle Betreuung durch Mitarbeiter des Development Departments und das Direktorium der Salzburger Festspiele", „Vorkaufsrecht für einen Hauptevent sowie Karten für ausgewählte Vorstellungen", „Hauptsponsoren dürfen sich „Offizieller Sponsor der Salzburger Festspiele" nennen", Kostenlose Nennung in allen offiziellen Publikationen der Salzburger Festspiele" etc. etc.. Worin liegt das Problem? Nun - das Gesamtbudget der Salzburger Festspiele lag - laut Abschluss 2005 - bei ca. 43,7 Millionen Euro. Übertragen wir dieses Beispiel auf den privaten Bereich: Sie beteiligen sich mit den Kosten ihres Essens, ihres Bestecks und einem Teil der Gage des Aushilfskellners an einer Geburtstagsfeier in einem Privathaus, zu der 80 andere Personen geladen sind. Dann stehen sie dafür gleichberechtigt neben dem Gastgeber und Hauseigentümer und maximal vier anderen Gästen auf der Einladungskarte. Günstig oder? Es ist also möglich mit einem Beitrag von 1,5 Prozent der Gesamtkosten pro Hauptsponsor bei der Presse den Eindruck zu erwecken, dass die Festspiele ohne diesen Beitrag nicht vorstellbar wären.

Die ausschliessliche Fokkusierung auf die Unternehmensponsoren der Festspiele lässt zweierlei vergessen: Neben den Investments der Vergangenheit beträgt der Zuschuss der öffentlichen Hand ohne Investitionen immer noch 24% der Kosten - also ein Vielfaches der Sponsorenbeiträge und mit kanpp 50 % der Einnahmen sind es die Besucher und Besucherinnen, immerhin 263.000 Personen, die durch Steuerzahlungen und Eintritte wesentlich zum Zustandekommen dieser Veranstaltung beitragen. Wäre es also aus der Sicht der öffentlichen Hand (oder der Tourismusbranche) nicht günstiger die insgesamt knapp 3 Millionen Sponsorenbeiträge selbst in die Hand zu nehmen, und sich gegenüber dem großen Publikum als verantwortliches Gemeinwesen zu präsentieren, als die Sichtbarkeit den Sponsoren zu überlassen, deren niedrige Beiträge im hochgelobten Metropolitan Museum of Art nicht einmal zur dauerhaften Benennung einer Galerie reichen würden?

Ebenso lässt die österreichische Debatte um Unternehmenssponsoring beharrlich ausser Acht, dass es in den USA eben nicht Sponsorzahlungen von Unternehmen mit dementsprechendem Werbewert sind, die den Großteil der privaten Zuwendungen ausmachen, sondern die steuerbegünstigen Direktzahlungen, Spenden und Zuwendungen von Einzelpersonen und Stiftungen beginnend mit dem (im MET wegen des Status als CIG eben nicht verpflichtenden) Eintritt über die 50-Dollar Mitgliedschaften (immerhin 36.000 Personen) bis zu den hierzulande mangels Kapitalkonzentration nicht vorstellbaren Zuwendungen zahlreicher Multimillionäre, deren Namen die Boards der Museen schmücken, ohne dass für ihre Unternehmen Werbung gemacht werden müsste. Kennen sie z.B. Peter B.. Lewis, der in den neunziger Jahren mit 50 Millionen Dollar an das Guggenheim Museum das bis damals höchste Einzelgeschenk an dieses Museum machte? Berücksichtigt man die Steuerauswirkungen dieser Donations wiederum als Beitrag der öffentlichen Hand, so kommt über diese Hintertür doch wieder ein wesentliches Anteil des Gemeinwesens zu Stande.

 

Diese und andere Beispiele zeigen, dass die - ohnehin auch kritisierbare - Forderung nach Wirtschaftlichkeit des kulturellen Sektors wenn schon dann in einem größeren Bezugsfeld geführt werden muss, welches zumindest vergangene und zukünftige Investitionen berücksichtigt, die Rolle der Besucher und des zivilgesellschaflichen Umfeldes mitbedenkt, und innovativere Konzepte zum Wert der Teilhabe der Bevölkerung und des Nutzens für die Gesellschaft einbezieht, als es die Reduktion auf Shopumsatz pro Besucher vermag. Führwar: „die wichtigste Einnahmequelle bleibt der Besucher" so die Presse in ihrem Bericht. Doch ist der Besucher nicht nur Zahler, sondern als Teil der Gesellschaft Teilhabender, Anspruchseigner (Stakeholder) und Hoffnung für die Relevanz kultureller Institutionen. Wenn also das MET als Vorbild angeführt werden sollte, dann wünsche ich mir jetzt für die Albertina ein Multicultural Audience Development Advisory Committee, dessen Mitglieder im Jahresbericht des MET neben zahlreichen anderen Councils und Committees angeführt sind.

Martin Fritz ist seit 2004 Leiter des Festival der Regionen in Oberösterreich und Vorstandmitglied der International Foundation Manifesta in Amsterdam. Neben anderen Tätigkeiten war er 1996 bis 1998 in New York als Director of Operations des P.S.1 Contemporary Art Center und 1990 und 1991 als Research Assistant im Program for Art on Film (J.P. Getty Trust und Metropolitan Museum pof Art) tätig.

 

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