Postfeudale Kulturpolitik

Für eine postfeudale Kulturpolitik

(unveröffentlicht, September 2005)

Die von Mailath-Pokorny im September in Standard und Kurier geforderten Stiftungsmodelle und Budgetübertragungen sind nur zu begrüßen, wenn sie das kulturpolitische Feld insgesamt um zusätzliche „agencies" bereichern, und für Aktionsfelder jenseits zentralistischer Direktverwaltung sorgen.

Gutes Timing Herr Stadtrat! Die Auslandskulturtagung, der Wiener Wahlkampf, gerade noch Sommerloch. Günstige Voraussetzungen also, um die zuletzt völlig verschlafene Diskussion um Strukturen und Methoden von Kulturförderung zu beleben. Im Normalfall beschränkt sich die kritische Diskussion von kulturpolitischen Entscheidungen auf einzelne Förderungs- oder Nichtförderungsentscheidungen, ohne die dahinter agierenden Organisationsformen und bürokratisch-politischen Strukturbedingungen zu beleuchten. Für die meisten KritikerInnen gilt, dass sie die Instrumentarien kulturpolitischer Verfügungsgewalt unangetastet lassen wollen, wohl weil man hofft, diese unter geänderten politischen Bedingungen für die eigenen Prioritäten nutzen zu können.

Auslandskultur

Österreichische Kunst und Kultur ist im Ausland gut vertreten, was jedoch primär der internationalen Ausrichtung österreichischer Kulturschaffender und deren Professionalität zu verdanken ist und nicht dem Apparat des Außenministeriums. Einer Logik folgend, die besagt, dass es sich bei Auslandskulturarbeit um eine Verlängerung der Außenpolitik - und damit um eine diplomatische Aufgabe - handle, verbleibt die Vertretungsarbeit fest innerhalb der dafür organisatorisch, budgetär und personell vielfach ungeeigneten Strukturen des Außenministeriums, in dessen internen Hierarchien und Personalstruktur die Befassung mit Kulturaufgaben selten höchste Priorität genießt. Die Forderung nach einer Neudefinition und Auslagerung dieser Agenda in fachkundige Hände oder zumindest nach einer Besetzung dieser Stellen mit Fachleuten ist zuzustimmen. Der heimische Kulturbetrieb verfügt über eine beachtliche Anzahl von hervorragend ausgebildeten und international erfahrenen Kräften, die in ihren jeweiligen Bereichen für intensive internationale Vernetzungen sorgen.

Auslagerungen

Der damit verbundene Vorstoß in Richtung einer ausgelagerten Organisationsform für die Auslandskultur ist nur logisch, wenn man die flexible Direktvernetzung und peer-to-peer Orientierung im internationalen Kunstbereich als Maßstab nimmt. Dies jedoch nicht nur im Ausland. Es verwundert daher, dass es auch im Verantwortungsbereich der Stadt Wien keine Anzeichen für eine derartige Dezentralisierung von Kulturförderungsagenden gibt.

Bezeichnend dafür ist die konzeptuelle Diskrepanz zwischen den beiden zentralen Vorschlägen des Stadtrates innerhalb einer Woche: Sieht er im Bereich der Auslandskultur das Potenzial einer nicht-klassischen Vertretungs- und Förderungsarbeit jenseits von „Diplomatie alter Schule mit Haus, Chauffeur und Köchin" so fällt ihm drei Tage vorher im Kurier nur die Stärkung seiner eigenen Macht durch die Übertragung von fünfundzwanzig Millionen Euro von Bundesmitteln an sein Amt als zentrales Anliegen ein, unter anderem, um dann die Besetzungen an „unseren (!) Theatern" noch ungestörter durchführen zu können. Es liegt auf der Hand, dass sein Gegenüber im Bundeskanzleramt - übrigens in bester monarchischer Tradition etwas isoliert - diesen Vorstoß als durchschaubaren Angriff auf die eigenen Machtmöglichkeiten ebenso abwehren muss, wie der Leiter der Auslandskultur Emil Brix die Forderungen nach Reform seines Zuständigkeitsbereichs mit der tief-blicken-lassenden Aussage kommentiert „nichts von Strukturdebatten zu halten".

Postfeudale Agenda

Wer - so wie der Verfasser - das Fehlen von Strukturdebatten in Bund und Stadt für das wesentlichste Manko in der kulturpolitischen Diskussion hält, würde zum Beispiel anstelle von reinen Budgetübertragungen fordern, mit zusätzlichen Mitteln unabhängige, experimentelle Spezialagenturen - etwa für EU-finanzierbare Projekte im Ausstellungsbereich oder multilaterale Koproduktionen von Verlagen einzurichten, die als szenenahe Förder- und Koproduktionspartner in der Lage wären Impulse zu setzen. Oder man könnte auf die Idee kommen, die Kuratorien der ausgelagerten Bundesmuseen und die Vorstände stadtnaher Vereine und Fonds von der Dominanz weisungsgebundener Beamter zu befreien. Vor demselben Hintergrund könnten die vielfältigen Beiräte bei Bund und Stadt durch Zuerkennung von Infrastruktur und Vergabemöglichkeiten in Richtung größerer Autonomie ausgebaut werden. Die Delegierung von Vollmacht und Ressourcen in die derzeitigen Kulturforen im Ausland oder die Etablierung einer Stiftung als deren Träger wäre somit nur einer der Schritte hin zu einer beweglicheren und weniger zentralistischen Situation.

Dezentralisierung, Einbeziehung der zivilen Fachöffentlichkeit und damit Professionalisierung, Teilauslagerung von Verantwortung in spezialisierte Einheiten und innovative Partizipationsmöglichkeiten sind die Agenda einer postfeudalen Kulturpolitik für Wien, den Bund und die Bundesländer. Die von Mailath geforderten Stiftungsmodelle und Budgetübertragungen sind nur zu begrüßen, wenn sie das kulturpolitische Feld insgesamt um zusätzliche „agencies" bereichern, und für weitere Aktionsfelder jenseits zentralistischer Direktverwaltung sorgen.

Martin Fritz ist Leiter des Festival der Regionen in Oberösterreich und Vorstandsmitglied der International Foundation Manifesta mit Sitz in Amsterdam. Er berät in Strukturfragen unter anderem relations - ein teilausgelagertes Förderungsprogramm für Ost- und Südosteuropa der Kulturstiftung des Bundes in Berlin.

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