Denk Kassandra

Denk´ Kassandra

Versuch des Beginns einer kulturpolitischen Debatte zum Wahlkampf

Erschienen im November 1995 im "Standard", Kommentar der Anderen

Unredigierte Fassung !

 

 

von Martin Fritz

 

 

Viele haben also schon ihre Koffer gepackt und andere erwarten fast sehnsüchtig ihren Hinauswurf oder die 100-prozentige Kürzung aller Mittel für zeitgenössische Kunst. Die Diskurslage pendelt zwischen Exil- und Märtyrerphantasien. Beiden gemeinsam ist der Verzicht auf strategische Diskussion angesichts möglicher Veränderungen in der kulturpolitischen Landschaft.

 

 

Die an die Wand gemalten Schreckensszenarien ersparen den Beteiligten die ungleich komplizierteren Fragen nach den Bedingungen weiterer Arbeit im Kunstbereich und die Klärung anstehender Fragen nach Verweigerung, Kooperation, Distanz, Attacke oder Arrangement.

 

 

Kurz zur Ausgangslage: Viele der professionell Beteiligten im Kunstbetrieb (so ziemlich alle unter 40) sind eine Situation gewöhnt, die sich durch eine - bei allen Diskrepanzen - Kollegialität zwischen Politik, Institution und Produktion auszeichnet. Die starke Förderungsabhängigkeit des österreichischen Kulturlebens bringt eine intensive Kommunikation und Zusammenarbeit der zuständigen Politiker, deren Beamten und den institutionell und künstlerisch Verantwortlichen mit sich. Eine für ausländische Besucher immer wieder frappierende Nahebeziehung zu politisch Verantwortlichen ist die Regel. Die eröffnende Stadträtin, der interessierte Minister, informelle Meetings mit Förderbeamten und zwanglose Intervention bei zuständigen Referenten im Rahmen gesellschaftlicher Anlässe prägen den professionellen Alltag. Doppelfunktionen in beiden Sphären - Beratertätigkeiten etwa - werden nicht selten erlebt. Nur die Newcomerebene erlebt den verwaltenden, fördernden oder repräsentativen politischen Komplex als abweisend, distanziert und fremd. Der geringste Aufstieg führt in Ebenen gesellschaftlicher und politischer Macht, die in anderen Ländern nur den älteren Spitzenvertretern aus Kunst und Kunstvermittlung vorbehalten sind. Das Bindemittel dieser Allianzen ist eine bei graduellen Unterschieden angenommene - und fallweise tatsächlich existierende - "liberale" Überzeugung von der Notwendigkeit zeitgenösssichen Kunstschaffens. Ein System, daß weniger auf der transparenten Auflösung divergierender Interessen und konkurrierender Erwartungen aufgebaut ist, als auf einer vermeintlich gemeinsamen gesellschaftlichen Arbeit mit verteilten Rollen als Produzent, Vermittler, Finanzier, Politiker etc..

 

 

Natürlich bringt diese Situation auch immer wieder konkrete Vorteile in der Durchsetzung anspruchsvoller Konzepte mit sich und ist ebensooft Gegenstand von anerkennenden Kommentaren. Jüngstes Beispiel: Die ziemlich "undergroundigen" mego und disobey - nights im Rahmen des Phonotaktikfestivals. In Stil und Anspruch wäre eine derartrige Veranstaltung in London oder New York garantiert "off". Irgendwo in einem urbanen wasteland, daß der Verwaltung abhandengekommen ist, oder kapitalistisch teuer zu mieten wäre. In Wien sorgt die Nahebeziehung zu städtischen Stellen für eine perfekte Location mitten in der Stadt, wo quadratmetermietpreise sogar Luxusrestaurants in Gefahr bringen. Als Versuchsgelände für geplante Neunutzungen können städtische Beamte gleich ihre Dezibel und Raumklimamessungen durchführen. Aufgeklärte Stadtbenützer bzw. deren Kinder werden begeistert sein über eine städtische Athmosphäre, die an der Ringstraße auch noch einen harten Ambientabend bereithält. Liebliche Ausnahme des Konsenses ist die Bezirksvorstehung des 1. Bezirks die lt. Aushang den Ausschank von Wein und Schnäpsen untersagt hat. Genug der Schwierigkeiten. Mit welchen stärkeren Geschützen diese Verwaltung und diese Bezirksvorstehung auffahren können, davon wissen jedoch die Betreiber des Flex genug zu erzählen und können damit die Fiktion von engagierter Kooperation empfindlich stören.

 

 

Diese "Komplizenschaft" führt zu einer trügerischen Gewißheit zentraler gesellschaftlicher Bedeutung als deren Alternative scheinbar viele nur mehr das Exil oder die märtyrerhafte Verbannung ins Abseits denken können. Was aber, wenn statt dem erwarteten Hinauswurf die Aufforderung kommt Konzepte vorzulegen oder doch bitte Reformvorstellungen zu präsentieren. Was tun - wenn manches bleibt wie bisher, aber andere Politiker ihren Platz bei der Pressekonferenz oder ihren medienträchtigen Eröffnungsauftritt einfordern ?

 

 

Kurzfristig realistisch erscheint mir weniger ein rechtsradikales Horrorszenario als eine strukturell-konservative Wende, die dem zeitgenösssichen Kunstbetrieb seine trügerische zentrale Vertrauenstelle nimmt und ihn dadurch zu einer Neuverhandlung seiner Position zwingt. Die vielbeschworene Ethik wird sich auch in diesem Fall weniger an der großen Geste sondern eher an einer Fülle konkreter Entscheidungen zu beweisen haben.

 

 

Meines Erachtens fehlt der österreichischen kulturpolitischen Landschaft etwas das mit "Distanzkultur" zu bezeichnen wäre. Diese nicht zu erarbeiten, könnte sich angesichts veränderter Machtverteilung als größtes Versäumnis vieler Beteiligter herausstellen. Ein distanzierteres Verhältnis kann auch bei einem politisch fernstehenderem Gegenüber leichter aufrechterhalten werden, ohne damit zum Kollaborateur zu werden. Zugleich fördert es Kritikfähigkeit und Konfliktaustragung.

 

 

Was meint Distanzkultur: Zuvorderst ein Bewußtsein divergierender Interessen und die Akzeptanz getrennter Sphären, die in keinem Dienstleistungverhältnis zueinander stehen. Dafür notwendig ist die Delegierung von Verantwortung. Die Nabelschnur der Finanzierung ist Nahebeziehung genug. Personalentscheidungen könnten auf der Ebene der verantworlichen Institutionen durch deren Vorstände passieren und müssen nicht den Politkern vorbehalten bleiben. Programmpräsentationen sind Sache der Programmverantwortlichen.

Längerfristige Budget und Vertragsabschlüsse vermindern die alltägliche Abhängigkeit. Die Direktvergabe öffentlicher Mittel sollte in bestimmten Bereichen einer indirekten durch Stiftungen, Fonds, und gemeinnützige Agenturen weichen. Seriöse Partner brauchen keine Scheu vor Schriftlichkeit und Transparenz der Arbeitsbeziehungen zu haben. Verzichten die Produzenten auf informelle Intervention bei der Projektdurchsetzung können Interventionswünsche der Finanziers auch leichter abgewehrt werden. Terminplanung im Veranstaltungsbetrieb ist kompliziert genug und braucht nicht durch die Abstimmung mit politischen Büros erschwert werden. Aufwertung der Länderkompetenzen und -Budgets schafft größere Wahlmöglichkeiten. So fragmentarisch diese Vorschläge sind, verlangt doch jeder einzelne nach konkreter Denkarbeit jenseits rethorischer Einübungen in die Kassandrarolle.

 

 

Um das Faktum einer vehementen Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln wird der Betrieb kurzfristig nicht herumkommen. Umso wichtiger ist die Schaffung von Strukturen und Umgangsformen, die von einer zentralistischen Abhängigkeit zu einem dezentralen Konkurrenzverhältnis führen, in dem den Beteiligten ein hohes Maß an Autonomie und dadurch selbstbewußter Verhandlungs und Konfliktspielraum zukommt.

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