Symposium tempo.rar

Symposium tempo.rar

Statement Martin Fritz, 13.Mai 2003

Symposium tempo.rar

 

 

Juni 1988 Volksgarten Wien: Zwischen den Beteiligten einer Ausstellung im gesamten Gelände des historischen Parks werden Verabredungen wie diese getroffen: „Den Schlüssel zum Theseustempel findest du unter der Hecke beim Elisabeth Denkmal“ oder „Vergiss nicht das Burgtheatertor zuzusperren“ Ein launiges Autowettrennen um 23:00 Uhr krönt den Abbau dieses einmonatigen Projektes damals junger Beteiligter. So mühevoll die Durchsetzung dieser temporären Nutzung gegenüber allen beteiligten Instanzen auch war – so sehr entschädigt die (kostenfreie) Inanspruchnahme von fünf Hektar öffentlichem Raum für die eigenen Zwecke. Aneignung ist möglich und Ausstellungspraxis nicht auf die dafür spezialisierten Innenräume beschränkt. Dieser beruhigende Grundgedanke bleibt und er soll der erste Slogan dieser Kurzpräsentation sein:

 

Der öffentliche Raum ist Standby-Aktionsraum für institutionell unabhängige Produzenten. Sein Vorhandensein als latentes Potential ist zu verteidigen.

 

Ausstellungen sind im Normalfall immer zeitlich befristet und stellen in ihren jeweiligen Kontexten eine temporäre Erscheinung dar. Ein Großteil ihrer Möglichkeiten sind diesem Umstand geschuldet, da es immer wieder gelingt innerhalb der zeitlichen Befristung Ausnahmesituationen zu schaffen oder vorübergehend abweichende Regelungen umzusetzen. Der dauerhafte Eingriff hingegen, zwingt seine Proponenten notwendigerweise in die Affirmation gegebener Strukturen oder zum langwierigen „Bohren harter Bretter“ (Max Weber) Temporäre Praxis ist somit eher Aktivismus als Politik – wiewohl Wechselwirkungen bestehen. Dennoch:

 

Das Temporäre ist eine eigene, originäre Praxis und nicht Vorstufe, Kompromiss, Modellversuch oder zweite Wahl.

 

Gerade der öffentliche Raum ist jedoch kein Freiraum sonder ein verwalteter, und auch von anderen genutzter Raum. Die zahlreiche Beteiligten erwarten sich Antworten auf ihre Fragen: Wer, Wo, Wann, Was, Wieviel, Warum? Allmachtsphantasien und Geniegetue sind hier fehl am Platz. Wenn Kunst im öfentlichen Raum tatsächlich „die Sehnsucht nach den Lokalseiten“ (Georg Schöllhammer) zum Ausdruck bringt, muss sie sich auch den selben Prozeduren unterwerfen wie etwa der Migrant, der einen Kiosk betreiben will. Gerade diese Durchsetzungsprozesse sind es jedoch, in denen sich oft mehr vom gerne beschworenen sozialen Potential der Kunst und ihrer Eignung zum Dialog verwirklicht als im fertiggestellten Projekt. Wer diese Prozesse nicht als Bereicherung erfährt ist im Museum besser aufgehoben. Daher:

 

Aktivität im öffentlichen Raum kann als temporärer Ausweg aus der Hermetik spezialisierter Systeme vor allem bei ihren Proponenten soziale Prozesse bewirken.

 

Kein Ausweg also aus den ermüdenden Prozessen von Antrag, Verhandlung, Veränderung, Genehmigung und Kontrolle? Eine Strategie liegt in der Ausnützung der Dialektik und dem gezielten Surfen zwischen permanenter institutioneller Praxis und temporären Realisationen außerhalb ihrer Maueren. Gerade der mit dem Außenraum erfahrene Produzent wird auf dem Weiterbestehen dauerhaft gewidmeter Institutionen bestehen, in denen kulturelle Praxis gewissermaßen „Hausrecht“ genießt. Nur in der Spannung gegenüber dem Dauerhaften und fest Vergebenen besteht der Reiz der Arbeit im Stadtraum. Aus dieser Dialektik folgt auch eine gewisse Skepsis gegenüber einer – fallweise geforderten – Verbesserung des Managements öffentlicher Freiräume und der Koordination ihrer künstlerischen„Bespielung“. Eine derartige Institutionalisierung schwächt das Spannungsfeld gegenüber anderen Praxen, führt zwangsläufig zu einem „mapping“ der möglichen Räume und reduziert somit den gedanklichen Freiraum. Als Kurzformel

 

Die Brache ergänzt die gut verwaltete Wohnsiedlung

 

Zum Abschluss noch eine Bemerkung zu den manchmal geäußerten Wünschen nach rechtlicher Absicherung auch der subversivsten öffentlichen Handlungen. Ein Vorbild effektiver interventionistischer Praxis ist meiner Meinung nach der ehrwürdige – meist britische - „Nacktflitzer“. Unvorhersehbar, temporär, irritierend und medial schlagkräftig. Doch dieser muss es tun und er ist sich bewusst, dass seine Strategie keiner Verwaltung oder Genehmigung zugänglich ist. Die Konsequenzen nimmt er gerne auf sich, vor allem da sie auch meist nicht zu gravierend sind. „Doing Time“ ist ein amerikanischer Alltagsausdruck für das Absitzen einer Gefängnisstrafe. Dies muss vorausgeschickt werden, um den letzten Leitsatz dieses Nachmittags – ein Sprichwort-  zu verstehen:

 

Don´t do the crime, if you can´t do the time!

Copyright 2013 by Martin Fritz (Office)
Design by T3-Design.ch