Danke Widerstand!

Danke Widerstand!

Herbst 2002 (unveröffentlicht)

 

Die vielbeschworene Zähmung durch Schüssel und der Hinweis auf die Selbstzerstörung der FPÖ verschweigt den Anteil einer Bewegung. Ein Dank als Trost.

 

Es sei vorangestellt, dass hier nicht ironisch sondern tatsächlich Dank abgestattet werden soll. Und zwar an die vielen, die unter dem Sammelbegriff „Widerstand“ (so umstritten der Begriff gewesen sein mag) dazu beigetragen haben, dass sich die FPÖ und Haider nachhaltig und möglicherweise endgültig geschwächt sehen. Denn dies ist immerhin gelungen – mag auch die Enttäuschung über den Wahlausgang so manchen die Freude verderben. Warum also Dank? Und warum an die vielen Bewegten im Land, denen jetzt der Triumph eines Regierungswechsels versagt blieb? Hört man nicht allerorten, dass es Schüssel gewesen sein soll, der Haider „gezähmt“ habe, oder dass Haider primär selbst das Zerstörungswerk erfolgreich zustandegebracht hätte? Die Beschreibung dieser Faktoren übersieht eine wesentliche Vorbedingung sowohl für Schüssels wie auch Haiders Agieren. Und die war und  ist – wie ausgeführt werden soll - eben der „Widerstand“ und seine nachhaltige Energie. Die Folgen daraus sind also auch jenem in Respekt zuzueignen.

 

Untersuchen wir also eine klassische Kausalkette: Herbst 1999: Nach kurzem Zögern reagiert ein Teil der Österreicher massiv auf die rechnerisch gegebene Möglichkeit der Kanzlerschaft Haiders. Der nötige Druck gegenüber den Akteuren ist also aufgebaut worden, bevor Schüssel überhaupt ein Mandat zu Handeln in die Hand bekam. Nur daraus ist erklärbar, dass es überhaupt Schüssel war, dem die zweitgereihte FPÖ den Kanzler überlies. Natürlich im Bewusstsein der Umstrittenheit ihres eigenen Führers. Nicht auszudenken was sein hätte können, wenn es still geblieben wäre?

 

Präambel, Ablehnung einzelner Ministerkandidaten und Nominierung Riess Passers, Grassers etc. sind ebenso Folgen der öffentlichen Kritik. Ich wage die Behauptung, dass ohne Protest und Kritik ein Kabinett Schüssel mit Haider als Vizekanzler angelobt worden wäre und Riess Passer und Grasser nie der Ruf zur Regierungsbank ereilt hätte. Und ganz gewiss wären sie ohne den kalten Wind, der ihnen entgegengeschlagen hat, nicht so (oberflächlich) handzahm geworden. Es soll ja nicht vergessen werden aus welchem Lager sie mit absoluter Loyalität hervorkamen.

 

Glaubt wirklich jemand, dass Haider im Mai 2000 als Parteivorsitzender zurückgetreten wäre, wenn nicht als Reaktion auf den massiven Druck sowohl im Inland wie auch aus der EU? Somit war die Saat für vieles weitere gesät. Die Anpassungswilligkeit der „guten“ Regierungs FPÖ kann nicht ohne die dialektische Beziehung zu der ihr entgegenschlagenden Kritik gesehen werden. Wie es den im katholischen Österreich Erzogenen  entspricht , reagierten die Regierungsmitglieder auf die EU Sanktionen mit Musterschülerattitude. In weiterer Folge – der Druck lies lange noch nicht nach – wurden Wiedergutmachung an Zwangsarbeitern und  Restitution einzelner Vermögenswerte beschlossen. Dies ist jenen zu verdanken, die dies einforderten und die die Unterlassung derartiger Maßnahmen jahrelang kritisiert hatten. Dass diese und ähnliche Maßnahmen indirekt auch destabilisierend in die FPÖ hineingewirkt haben, wurde im Finale Furioso offensichtlich.

 

Weiter in der Chronologie: Wer erkannte Windholzs Sprüche als SS Wahrspruch? Wer reagierte auf Stadlers im Kern nahezu wiederbetätigende Rede und wer geiselte Haiders Muzikant Beschimpfung? Beständig, zuverlässig und Respekt gebietend immer wieder nur die sogenannte kritische Öffentlichkeit und deren Vertreter. Die hoffentlich nachhaltige Disqualifikation dieser Exponenten geschah nicht von selbst  und „gelassenes“ Schweigen hat nichts zu ihrer Abwertung beigetragen. Kritik, öffentlicher Widerspruch und Teilausgrenzung  spitzten die Widersprüche soweit ausreichend zu, dass es auf einmal zu interner Fehde, Distanzierung und Rücktritt von Regierungsmitgliedern und somit zu Neuwahlen kommen konnte. Nicht den zurückgetretenen Noch-Immer-Parteimitgliedern und nicht der gewiss strategisch perfekten Neuwahlausschreibung sei´s gedankt. 

 

Der Keil also, den zu aller letzt Haider selbst dass entscheidende Stück zu weit in die FPÖ hineingetrieben hat und von dem jetzt leider primär die ÖVP profitiert, hat gewiss nicht Schüssel geschnitzt und  sicher auch nicht vorangetrieben. Was ihm scheinbar gelang, war hauptsächlich den dadurch abspaltbaren Block auf seine Seite zu ziehen. Der Hebel, die Energie und der Druck in diese Richtung entstand jedoch in jenen Kreisen, die sich nunmehr um die Früchte ihres Aufstandes gebracht sehen. Es wird für die Beteiligten schwer möglich sein, sich nach diesem Wahlausgang zu freuen und es bleibt bestenfalls offen, ob hier nicht dieselbe Gesinnung sich einfach eine neue Partei gesucht hat.

 

Doch Ehre wem Ehre gebührt: Nicht zuletzt der ausdauernd, öffentlich und international vorgebrachten Kritik ist es zu verdanken, dass die FPÖ innerhalb von 36 Monaten von 27% auf 10% geschrumpft ist. Dies ist immerhin passiert und vom heutigen Tag an sitzen 33 Exponenten weniger einer derartigen Gruppierung im österreichischen Parlament. Die Stimme des Mobs wurde zumindest gedämpft. Wer laut und deutlich gegen diesen geschrieben, gesprochen und agitiert hat, kann und soll sich diese Leistung anrechnen lassen. Nicht allerdings, wer als Bundeskanzler, Minister, Staatssekretär (Kunst!)  o.ä. zu Stadler, Windholz, Haider und vielen anderen geschwiegen hat. Danke Widerstand.

 

Martin Fritz arbeitet als Kurator und Projektorganisator in Wien und war zuletzt als Generalkoordinator der Manifesta 4 Europäische Biennale zeitgenössischer Kunst in Frankfurt am Main und bei der EXPO 2000 in Hannover tätig.

 

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