Gasthof

Gasthof 2002

 

Gasthof 2002 an der Städelschule in Frankfurt erinnerte daran, dass es in der Kunst um den permanenten Versuch gehen sollte, die bestehenden Formen und Ausdrucksmittel gesellschaftlichen Aufeinandertreffens zu erweitern. Schon am Beginn stand eine folgenschwere Umdeutung: Kann eine Kunsthochschule als Herberge für Gäste aus aller Welt dienen? Nicht etwas symbolisch, diskursiv oder virtuell, sondern einer pragmatischen Notwendigkeit folgend und als reales Angebot an die (zum Großteil) studierenden Gäste: Um zu übernachten, zu essen und auf andere zu treffen, die Interesse daran hatten, anlässlich der Manifesta 4 in Frankfurt und der Documenta 11 in Kassel in die Stadt zu kommen.

 

Der soziale Subtext jeder (guten) Ausbildungsstätte wurde somit wörtlich genommen und zu deren eigentlichen raison d´être erhoben. In denkwürdiger Entspanntheit wurden alle Beteiligten daran erinnert, welche Folgen es haben kann, wenn oftmals strapazierte Begriffe zur Abwechslung wieder einmal wörtlich genommen werden: Die immer wieder behauptete Neudefinition sozialer Sphären und die Kommunikationsorientierung aktueller künstlerischer Praxen wurde handfest greifbar und modellhaft mit Leben gefüllt. Modellhaft vor allem, weil kein zu erzielendes Ergebnis im Vordergrund stand. Im Vordergrund stand das Vertrauen auf die Folgewirkungen zahlreicher, in keiner Weise organisierbarer Interaktionen unter den Beteiligten vor Ort und in weiterer Folge wo auch immer auf der Welt. Oder doch organisierbar? Waren nicht ideale Bedingungen dafür geschaffen worden? Die idealen Bedingungen entstanden in stiller Komplizenschaft zwischen Gastgeber (der Städelschule) und Gästen (Studierenden aus 30 Ländern Europas). Nicht ein von Effizienzgedanken geleitetes „Service“ stand auf beiden Seiten im Vordergrund, sondern die Überzeugung, dass eingeladene Gäste - vor allem als lernen Wollende - eben nicht zu beindruckendes Publikum oder bloßer Echoraum der Lehrenden oder Produzierenden sind, sondern dass diese durch ihr Kommen erst die Voraussetzung für jeglichen Austauschs schaffen.

 

Im Nachhinein erscheint Gasthof als Zone des Luxus, geprägt durch die zur Verfügung stehende Zeit und die Möglichkeit der Selbstaktivierung der Beteiligten. Die Vorzüge der jüngeren Gäste – unverplante Zeit, Aufmerksamkeit und soziale Kompetenz  - übertrugen sich auf die habituell rastlosen professionellen Besucher und Vortragenden. Die Reduktion oder besser: Fokussierung der Angebote auf die sozialsten aller „Formate“ - essen, trinken, reden, zuhören entband die Anwesenden vom Diktat der Präsentation und verhinderte somit auch das Grundübel ähnlicher Versuche im Ausstellungswesen: Den erbitterten Wettkampf um knappe Ressourcen  und die damit verbundene Vereinzelung der Akteure. Es gab von allem ausreichend: zu essen, zu trinken, zu hören, zu reden. Natürlich kann keine Veranstaltung in der dünnen Luft internationalen Kunstgeschehens und dessen Strategieorientierung frei von erwarteten „Effekten“ bleiben und auch Gasthof 2002 übernahm darin seine Rolle. Doch die ernst genommene soziale Funktion des Gastgebers und die offene Suche nach Austausch durch die Gäste machen Lust auf mehr: Gasthof in Frankfurt war ein Vorbild. Es sollte viele Gasthöfe geben.

 

Martin Fritz, Generalkoordinator der Manifesta 4

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