van der Straeten - Katalogtext

Souverän im Zwischenraum

Zur Arbeit Andrea van der Straetens

 

Visuelle Kommunikation. Selten entfaltet sich der im Gegensatz zu engeren Kunstbegriffen erweiterte Terminus so stimmig wie im Werk von Andrea van der Straeten (geboren 1953 in Trier), die genau jenes Fach auch studierte, doch erst nach einer Kombination von Politikwissenschaften und Germanistik. So führt schon ein erster Blick auf ihre Biographie an den Beginn einer Dreiecksbeziehung, die in Andrea van der Straetens Fall ihre Brisanz seit damals nie verlor. Markieren ihre Schwerpunktgebiete doch die Eckpfeiler gesellschaftlicher Kommunikation in Bild, Sprache und öffentlichem Handeln, und zugleich die Fähigkeit der Künstlerin abseits von innerkünstlerischen Genrekonventionen einen individuellen Handlungsraum zu etablieren. Der Raum den Andrea van der Straeten besetzt ist ein Raum kollektiver Erfahrung, die sich in Bildern, Gesten, Texten und Mischformen aller dieser Elemente manifestiert.

 

Andrea van der Straeten verwendet diese Mehrfachbeziehungen in vielen ihrer Werke. Von kritischer visueller Praxis ebenso geprägt wie von den konzeptuellen Strategien in der Kunst seit den späten sechziger Jahren geht sie dabei über die rigide Praxis der – meist männlichen – Leitfiguren jener Ära hinaus. Ihre gesellschaftlichen, also politischen Interessen führen sie immer wieder in den öffentlichen Raum und dabei zu einer Untersuchung und Inanspruchnahme seines kommunikativen Potenzials. In diesem „Raum hinter dem Raum“ navigiert die Künstlerin souverän und sucht in ihm nach sozialen Konstellationen und der Möglichkeit diese darzustellen und mitzugestalten.

 

Wenn sie in der Medienarbeit Haus der Kälte (1998) durch eine Serie fiktiver Plakate und eine täuschend dokumentarische Artikelserie in einer Lokalzeitung die Entstehung eines Films in einer Kleinstadt vorspiegelt, ist das Verhältnis des imaginierten Filmbildes zum plakatierten Standbild nur eine der Bezugsebenen. Wichtiger sind van der Straeten diejenigen Kommunikationsprozesse, die sie durch ihr Projekt in den Realraum trägt, und damit diesen wieder für die Möglichkeit kollektiver Erfahrung öffnet. Van der Straeten nutzt ihre sichere Multimedialität, um mit jedem zusätzlichen Format weitere Verständigungserfahrungen zu vermitteln oder zu ermöglichen: Gerüchte werden in Form von Post-It Notizen auf einer Wandzeichnung zum Teil eines Stadtpanoramas (Was ich gehört habe..., [2004); recherchierte Texte aus dem Bereich sozialdarwinistischer Rhetorik erfahren eine kritische Umdeutung, indem sie als trojanisches Pferd für unerwartete Botschaften benutzt werden(Kassiber [2002]) und deutsche Redewendungen verunklaren in kruder Übersetzung die Nachrichten einer kanadischen Stadtzeitung (28 years, 1993). Im Vordergrund des künstlerischen Interesses steht jeweils die Frage nach den SenderInnen und EmpfängerInnen von Botschaften innerhalb dessen was wir zwar öffentlichen Raum nennen, zu dessen eigenständiger, kommunikativer Nutzung der Einzelne jedoch immer seltener in der Lage ist. Dabei ist ihr jedoch nicht daran gelegen einen egozentrischen – im Kern immer eitlen – „eigenen“ Text in die Welt zu senden, sondern sie widmet ihre Aufmerksamkeit denjenigen Kommunikationen, die als Gerüchte, Gesten, Codes, Gesprächs- und Erinnerungsbruchstücke oder als Bild- und Textfragmente eine Tiefenschicht in der permanenten Konstituierung von Gesellschaft darstellen. Ihr Fundus sind die sprachlichen und nicht-sprachlichen Essenzen sozialer Prozesse, die sie neuerdings (etwa in den Arbeiten Wo ich Glück gehabt habe... , 2003) oder Wie ich auch Geld verdienen wollte..., 2004) gezielt um persönliche Erinnerungsfragmente erweitert.

 

Andrea van der Straeten bewegt sich nie entlang eines abstrakten Kommunikationsrahmens, sondern etabliert diesen immer sehr nahe an konkreten Orten, Personen oder sozialen Kontexten. So setzt eben Haus der Kälte eine Kleinstadt voraus in der sich das Gerücht über einen Film entwickeln und effizient verbreiten kann, während es nicht zufällig die Glasflächen von Vitrinen in einer städtischen Passage sind, in denen sie den überlieferten Text einer Straßenaktion Valerie Solanas referenziert, in der sich die – später als Andy Warhol Attentäterin verrufene – feministische Autorin als Verkäuferin unanständiger Wörter angeboten hat. (Screen, 1998). Mit dieser Sorgfalt in der Verknüpfung von Ort und Projekt schafft sie auch die kommunikative Voraussetzung für ihr Publikum, die darin besteht, ebenso Experte oder Expertin für die Inhalte zu sein wie die Künstlerin selbst. Wer könnte nicht von ähnlichen Verständigungshindernissen im Alltag erzählen wie sie Solana provozierte, und wer wäre nicht sofort in der Lage aus dem eigenen Leben ähnliche Glücksfälle zu berichten, wie sie in der Arbeit Wo ich Glück gehabt habe... (2003) verzeichnet werden?

 

Niemals hermetisch und im Einklang mit ihren ergänzenden Tätigkeiten als Redakteurin oder Lehrende entwickelte Andrea van der Straten eine umfassende Aufmerksamkeit für jene visuellen und sprachlichen Momente, die den Einzelnen an kollektivere Vorgänge anbinden. Ob sie die MitarbeiterInnen eines Krankenhauses auffordert Standbilder aus Hollywoodfilmen nachzustellen (Echo, 2003/04), Kinder für die Plakatserie Fremd (1997) zu Grimassen zwischen Komik und Verachtung animiert, oder ihre Künstlerkollegen zu gemeinsamen Kocherfahrungen einlädt: Andrea van der Straetens Arbeit zielt immer auf die Grundvoraussetzungen von Gesellschaft und Kommunikation: Im Erkennen und Verwenden überindividueller Muster liegt der Kern jeder Verständigung und die Brisanz ihrer künstlerischen Arbeit.

 

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