Bleiben Sie distanziert!

Bleiben Sie distanziert

 

Ein paar Empfehlungen an die neue Kultur- und Kunstministerin mit "Finanzkompetenz" zu einer neuen Job-Description jenseits von Spätfeudalismus und Schutzengel-Fantasien - Kommentar der anderen von Martin Fritz

 

Von Martin Fritz, Kurator und Leiter des Festival der Regionen in Oberösterreich, Vorstandsmitglied der Manifesta-Foundation in Amsterdam und Berater von Kunstinstitutionen in Strukturfragen.

 

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Eifrig wurde der Lebenslauf der neuen Ministerin für Bildung und Kultur nach Kunstsinnigkeit untersucht und erleichtert zur Kenntnis genommen, dass sie neben ihren Banking-Qualifikationen als Vertreterin des Finanzministeriums im Kuratorium der Salzburger Festspiele, als Aufsichtsrätin von "Art for Art" oder als Vorstandsmitglied der Wiener Symphoniker auch kunstnahe Erfahrungen vorweisen konnte. Dadurch beruhigt, dominieren in den Reaktionen die üblichen Hoffnungen nach "besserem Klima", "Dialog" oder "Zuhörbereitschaft", ohne dass eine Veränderung des grundlegenden Verständnisses von Kulturpolitik gefordert wird.

 

Wenn die Begriffe aus der Beziehungsarbeit im Politischen zu dominieren beginnen, ist es höchste Zeit, eine Veränderung der Grundstrukturen ins Auge zu fassen. Dabei könnte die Außenperspektive der neuen Ministerin ein Vorteil sein.

 

An die Stelle des tradierten grenzmonarchischen Bildes des zuständigen Politikers als Schutzpatron, Motivator und Finanzier seiner Gefolgschaft, welches nach dem bösen Onkel Morak nun wieder mit einem gütigeren Gesicht gefüllt werden könnte, sollte so etwas wie respektvolle Distanzkultur treten. Es geht um ein geändertes Verhältnis von Kulturpolitik zur kulturellen Zivilgesellschaft. In diesem Sinne ein paar Hinweise für erste, eigentlich selbstverständliche, Schritte:

 

I. Absagen lernen - Sagen Sie wöchentlich eine Eröffnungsrede ab, und laden Sie sich dorthin ein, wohin Sie nicht gerufen werden, um dort Cheflobbyistin für Kunst und Kultur in jenen gesellschaftlichen Bereichen zu sein, die einer Ministerin eher einen Empfang bereiten als den Kunstschaffenden selbst: Zahnärztekongresse, Bankingnetzwerke, Reitsportverbände, skeptische Heimatverbände, BerufsschulabsolventInnen. Nützen Sie jedes Forum außerhalb der Kunst und Kultur, um für Interesse, Begeisterung, Respekt, Neugier . . . und Geld zu werben. Um die Kernschicht kümmern wir uns einstweilen selbst.

 

2. Außen agieren - Die bisher effizienteste Galerienförderung war eine allgemeine Exportförderung für Messebeteiligungen. Die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge betrifft Kunstschaffende zentral. Das Urheberrecht definiert einen Großteil des Handlungsspielraums innovativer Praktiken. Die Straßenverkehrsordnung ist die geheime Leitnorm für Kunst im öffentlichen Raum.

 

Worthülsen einmotten

 

Vergessen Sie nicht, wenn Sie von "Selbstständigen" hören, dass damit auch 90 Prozent der Künstler gemeint sind, und überlassen Sie Integration nicht den dafür nominell Zuständigen. Etablieren Sie eine Stabstelle, die beständig andere Politikfelder auf kunst- und kulturrelevante Sachverhalte und Eingriffs-möglichkeiten hin untersucht.

 

3. Denken lassen - Die wohlfeilen Beteuerungen der überragenden Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft werden gerne gehört und brauchen immer aufs Neue Verstärkung. Trotzdem werden uns die Worthülsen hochkonjunkturell geprägter Mainstreamsozialdemokratie und ein Begriffsapparat der Siebziger nicht durch die rauer werdenden Verteilungskämpfe des 21. Jhdt. führen.

 

Eine der wesentlichsten Herausforderungen des Moments ist die Entwicklung neuer und "belastbarer" Begründungen für staatlich kulturpolitisches Handeln und eine Positionsbestimmung kultureller Arbeit jenseits ökonomischer (Umweg)Rentabilitäten, aber auch jenseits einer überkommenen - letztendlich aus einem obsoleten Geniebegriff folgenden - Glorifizierung der heroischen Künstlerhelden. Die aktualisierten Begriffe für die Standardfloskeln vom "Gewissen der Nation", über "das Salz der Gesellschaft" bis hin zum "Sensorium für zukünftige Entwicklungen" sind noch nicht gefunden.

 

Niemand erwartet diese Zentralbegriffe von Ihnen. Lassen Sie also andere denken. Es gibt genügend, deren tägliche Arbeit darin besteht, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen - und Antworten zu finden.

 

4. Arbeiten lassen - Das historische kulturpolitische Versäumnis, keine dezentralen oder teilautonom ausgelagerten Zuständigkeiten innerhalb der Kunst- und Kulturfinanzierung zu schaffen und auch keine Verbreiterung der Finanzierungsstruktur über die Direktsubvention hinaus (etwa durch steuerliche Anreize) anzustreben, sollte sich nicht wiederholen. Gründen Sie Agenturen für Auslandskulturarbeit.

 

Mehr Transparenz

 

Schaffen sie autonome Fonds für Übersetzungen, die auch anderen Finanziers offen stehen. Überlassen Sie einen Teil ihrer Zuständigkeit experimentell den Betroffenen, übertragen Sie Kompetenz temporär an Ihre Beauftragten oder dauerhaft an neue Spieler im Feld.

 

Eröffnen Sie den qualifizierten Beamten und Abteilungen motivierende Spielräume. Lassen Sie erfahrene Institute Biennalen beschicken und legen Sie profilierten Macher/innen ruhig noch etwas drauf, bevor Sie selbst Projekte beginnen, die andere besser können.

 

5. Distanziert bleiben - Etablieren Sie die Umgangsformen der professionellen, zivilen Welt in ihrem Haus und in Ihren Stäben. Lassen Sie zurückrufen, beantworten Sie Briefe innerhalb verlässlicher Fristen und geben Sie transparent Einblick in die aktuellen und zukünftigen Schwerpunktsetzungen Ihrer Arbeit. Machen Sie bekannt, wer Sie berät. Etablieren Sie verantwortliche und angreifbare Einzelpersonen, Gremien, Beamte und Agenturen als Ansprechpartner/innen im operativen Geschäft.

 

Vergeben Sie Beratungsaufträge nach offenen Verfahren, statt sich exklusiv dem Kaffeehaus auszuliefern, und bedienen Sie sich strukturiert der hervorragenden Kompetenz der österreichischen Szenen. Bezahlen Sie für Rat und Tat und veröffentlichen Sie die somit gewonnenen Erkenntnisse und Entscheidungen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2007)

 

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